Der Dschungelfluch – Epochenende: Milton Hatoum sucht Cain und Abel in Amazonien – Frankfurter Allgemeine Zeitung

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Der Dschungelfluch – Epochenende : Milton Hatoum sucht Kain und Abel in Amazonien

Der Bruderzwist steht am Anfang der Menschheitsgeschichte: Kain erschlägt Abel – aus Neid und Mißgunst, weil dessen Opfer dem Vatergott besser gefällt als das eigene. Mit dieser Tat ist das Böse in der Welt zum ersten Mal manifest geworden, nach biblischem Verständnis eine Folge der Ursünde, die sich fortzeugt bis auf den heutigen Tag.

Auch der Brasilianer Milton Hatoum weiß in seinem neuesten Roman davon zu berichten. Omar und Jaqub heißen seine zwei Brüder. Zwillinge sind es, wild und unberechenbar der eine, in sich gekehrt und nachdenklich der andere. Die Rivalität tritt schon früh zu Tage: Die Mutter zieht Omar dem zuerst geborenen Jaqub vor. Der Keim der Eifersucht ist gelegt. Als beide sich eines Tages in das gleiche Mädchen verlieben und dieses sich für Jaqub entscheidet, eskaliert der Streit. Er endet zwar nicht tödlich wie in der Bibel, doch Jaqub trägt im Gesicht eine häßliche Narbe davon: sichtbares Zeichen der Feindschaft, die ein Leben lang währt und eine Familie zerstört.

Milton Hatoum, der Sohn eines libanesischen Einwanderers und einer Brasilianerin, siedelt seine Familientragödie in einem Milieu an, das er aus eigener Anschauung kennt: Sie spielt in Manaus, wo er geboren und aufgewachsen ist, die Hauptstadt Amazoniens, einst glanzvolles Zentrum der Kautschuk-Industrie, berühmt für ihre Oper, ihren Hafen, ihr Völkergemisch, und sie spielt in einer Familie, aus dem Libanon stammend wie die eigene, durch Handel zu bescheidenem Wohlstand gelangt und doch nie ganz heimisch geworden in dieser barocken Tropenmetropole, die so verschieden ist von der Welt, die man hinter sich gelassen hat.

Die Konflikte, die in dieser Familie aufbrechen, haben viel mit Entwurzelung zu tun. Menschen, die sich fremd fühlen, ziehen sich auf das Eigene zurück. Die Familie wird zum Hort, der Schutz bietet. Sie kann aber auch zur Falle werden, wenn übermächtige Gefühle das Leben im Keim ersticken. Hatoum erzählt in seinem Roman die Geschichte von fünf Menschen, der Eltern Halim und Zana und ihrer drei Kinder Jaqub, Omar und Rânia, die durch Liebe und Haß so eng miteinander verbunden sind, daß nur Gewalt das Beziehungsgeflecht zu zerreißen vermag. Vom Tag an, da der eine auf den andern Bruder losgegangen ist, beginnt das symbiotische Gefüge sich aufzulösen. Und keine Macht der Welt vermag den Zerstörungsprozeß aufzuhalten, der mit dem Streit zweier junger Männer, die fast noch Kinder sind, seinen Anfang genommen hat.

Nicht von ungefähr erzählt Milton Hatoum die Geschichte von ihrem Ende her. Mit dem Tod der Mutter erfüllt sich das Verhängnis, das mit ihrer maßlosen Liebe für den einen der beiden Söhne seinen Anfang genommen hat. Das ganze Buch hindurch wird der Leser das Gefühl nicht los, er bewege sich auf einen Abgrund zu, ohne auch nur die geringste Möglichkeit zu haben, den Sturz aufzuhalten. Man kennt zwar das Ende, seine wahre Bedeutung erschließt sich aber erst, wenn man nach einem langen und qualvollen Weg durch den Dschungel sich widersprechender Gefühle ein zweites Mal an dem Punkt angelangt ist, von dem man ausgegangen ist. Nachdem Halim gestorben und die Versöhnung der beiden Brüder in unerreichbare Ferne gerückt ist, hat sich die Mutter wie ein weidwundes Tier im Dickicht des Gartens zum Sterben gelegt. Was einmal ihre Welt und ihr ganzes Glück gewesen war, ist zerstört, dem Verfall anheim gegeben wie die wild wuchernden Elendsviertel am Ufer des Flusses, die längst den Planierraupen des Fortschritts zum Opfer gefallen sind.

Parallel zum Zerfall der Familie schildert der Roman den Niedergang einer ganzen Epoche. Das alte Amazonien des wilden Wachstums und der unbegrenzten Zuwanderung, dieses üppig blühende, modernde, verrottete Chaos, gibt es am Ende nicht mehr. Ein Militärputsch hat das Land in den sechziger Jahren von Grund auf verändert. Die Moderne hat Einzug gehalten. Jaqub, der Technokrat, der Ingenieur geworden ist, um am Fortschritt teilzuhaben, geht letztlich als Sieger aus dem Kampf der beiden Brüder hervor. Zusammen mit dem alten Manaus der Kaschemmen und Bordelle ist auch Omar, der Primitive, der Leidenschaftliche und Zügellose, dem Untergang geweiht. 

Zurück bleibt nur der Erzähler: Nael, der Sohn des indianischen Dienstmädchens, der einen der beiden Brüder zum Vater hat. Ob es Jaqub ist, dem er zugetan ist, oder Omar, den er fürchtet, wird er nie erfahren. Das erlösende Wort fällt auch hier nicht. Nael bleibt der Außenseiter, der er von Anfang an war: ein Mischling, ein Wurzelloser auch er. Aber gerade diese Position in der Mitte zwischen Nähe und Distanz läßt ihn zum idealen Chronisten werden. Er beobachtet, er berichtet, ohne je ganz dazuzugehören, und zieht den Leser damit in seinen Bann. Wie aus einem sicheren Versteck verfolgen wir mit seinen Augen die Geschehnisse im Herrenhaus, hören die Gespräche, sehen die Gesten und reimen uns aus Bruchstücken und Assoziationen zusammen, was das alles zu bedeuten hat. Und Nael ist es auch, der uns durch Manaus führt auf der Suche nach Omar, der sich herumtreibt, auf den Spuren von Halim, der der familiären Spannung in den Kneipen seiner Landsleute bei Backgammon und Arrak zu entrinnen sucht. Ihm erzählt der alte Mann, was geschehen und nicht wiedergutzumachen ist. Gleich ihm dringen wir allmählich in die Geheimnisse der Familie ein und lernen als seine stummen Begleiter eine Welt kennen, die betörend fremd und zugleich beängstigend schön ist, noch in ihrem Zerfall.

Es ist diese gebrochene Erzählperspektive, dieser fremde und zugleich vertraute Blick, der die Lektüre des Romans zu einem Abenteuer der besonderen Art macht.

 KLARA OBERMÜLLER

 Milton Hatoum: “Zwei Brüder”. Roman. Aus dem Portugiesischen übersetzt von Karin Schweder-Schreiner. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2002. 252 S., geb., 22,90 [Euro].

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Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.12.2002, Nr. 282 / Seite 38

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