Wie in einem orientalischen Bazar – FREITAG 42, 11.10.2002

Deutsch, Presse

 

BEOBACHTENDER ETHNOLOGE

In dem Roman “Zwei Brüder” beschreibt der brasilianische Autor Milton Hatoum die Schübe der Globalisierung am Beispiel von Manaus

Milton Hatoum gehört heute wie der Mexikaner Jorge Volpi und Roberto Bolaño zu den neuen lateinamerikanischen Autoren, die man sich merken sollte. Nicht, weil er durch die Veröffentlichung seines zweiten grandiosen Romans Zwei Brüder (2001) in den USA entdeckt und von einem Elite-Campus zum nächsten gereicht wird, sondern weil er das große Thema unserer Zeit erzählerisch fulminant fasst: Migration in Verbindung mit religiös-kulturellen Fragen. Mit Erzählung von einem gewissen Orient (1989) – so der Originaltitel seines ersten Romanes – zeigte er bereits elegant sein Können: das ganze postkoloniale Problemfeld Ost-West/Nord-Süd in seiner religiös-kulturellen und politischen Dimensionen literarisch auf den Punkt zu bringen. Der deutsche Verlag wusste das nicht zu nutzen und titelte Emilie oder Tod in Manaus (1992). Im Fall Hatoum muss einmal das Kritiker-Tabu schlechthin gebrochen werden: der Vergleich mit García Márquez. Hatoum ist kein Epigone magischen Realismus, Manaus ist nicht Macondo, aber in der literarischen Umsetzung gelebter, bei Hatoum amazonensischer Erfahrung, der Beschreibung und Reflexion lateinamerikanischer Realität auf der Höhe der Zeit, das heißt ein historisches und gegenwartsbezogenes Herangehen, liegt er nah beim großen Meister.

“Ich wünschte mir nicht bei Tageslicht in Manaus anzukommen. Von oben aus dem Flugzeugfenster hat der nachts Reisende den Eindruck, dass ein ganzer Strom von Geschichten in der unsichtbaren Stadt fließt. Du fliegst stundenlang über den dunklen Urwald, und kein Lichtfünkchen blinkt, aber auf einmal, ähnlich den Lichtern eines riesigen Überseedampfers, der auf dem Ozean zwischen zwei Kontinenten schwimmt, sagt dir ein Gebilde aus Land und Wasser, dass der vorher unsichtbare Fluß nun zu einem beleuchteten Weg wird”. Mit der magisch-schönen Beschreibung Manaus endet Hatoums erster Roman, einer Stadt, deren Asphaltfahrbahnen aus der Luft nicht von den Wasserwegen und dem Urwald kaum zu unterscheiden sind. In der Schlussbeschreibung der Topographie und Physiognomie Manaus findet sich das Bild von einem unförmigen, zersplitterten Gesicht, eine Collage. Sie steht für das Erinnern, den vergeblichen Wunsch des Ich-Erzählers das wunderbare Manaus vor dem I. Weltkrieg wiederzufinden, das bis in die sechziger Jahre überlebte: den alten Fischmarkt aus der britischen Belle Epoque, die Eisenarchitektur des Kautschuk-Booms, den Manaus-Harbour, die traditionellen Pfahlbauten an den Ufern der Igarapés, die Fischer, die Geschichten, Lebenswege der “libanesischen, syrischen und marrokanisch-jüdischen Einwanderer, erzählt in Portugiesisch vermischt mit Arabisch, Französisch und Spanisch” im “Restaurant Biblos, dem Treffpunkt der Einwanderer; die Präsenz indianischer Bevölkerung..

In Zwei Brüder taucht das zersplitterte Gesicht wieder auf, diesmal wirklich: es ist Yaqubs Gesicht, verletzt von einer Glasscherbe, die ihm sein Zwillingsbruder Omar im Wettstreit um die Liebe zu einem Mädchen zugefügt hat. Der Bruderzwist lässt sich mit der patriarchalischen Entscheidung Halims, des Oberhaupts der libanesischen Einwandererfamilie, den “guten” Sohn für ein paar Jahre in den Libanon zu Verwandten zu schicken, nicht lösen. Yaqub kehrt als junger Mann zurück, geprägt von den Erfahrungen als Viehhirte im Libanon bei den Verwandten für die er – der Brasilianer – ein Fremder war. Die Wiederbegegnung mit dem Manaus seiner Kindheit, lässt Yaqub verstummen, so tief sitzt der Schock. Als Kind verstoßen, bleibt er Zeit seines Lebens ein Reisender, auch in Sao Paulo, wo er sehr erfolgreich ein Ingenieursstudium abschließt. Als gemachter Mann versucht er noch einmal Fuß zu fassen in Manaus, weicht dem Konflikt mit dem Lebemann, von der Mutter, Zana, verwöhnten Bruder, Omar, nicht aus. Die Familiengeschichte endet mit dem Auslöschen des Clans. Haus und Garten verschwinden auch vom alten Manaus bleibt nichts, als die Matriarchin stirbt. “Zana musste alles aufgeben: das Hafenviertel von Manaus, die von uralten Mangobäumen überschattete abschüssige Straße, den Ort, der für ihr Leben fast so viel bedeutete wie die kleine Stadt im Libanon ihrer Kindheit. Vor ihrem Tod, im Krankenhaus, fragt sie auf Arabisch: Haben meine Söhne Frieden geschlossen? Niemand antwortete. Da wich die Farbe aus Zanas Gesicht.”

Der Erzähler dieser Brüder-Geschichte, von Esau und Jakob, Kain und Abel, den paradigmatischen Figuren im Judentum, Islam und Christentum – eingebettet in die Biographien einer libanesischen Einwandererfamilie sowie Episoden aus Historie und Leben in Manaus seit dem I. Weltkrieg – entpuppt sich als der uneheliche Sohn der indianischen Hausangestellten, Domingas. Ob Omar oder Yaqub der Vater ist, bleibt offen. Er beschreibt wie ein beobachtender Ethnologe im Feld, Szene für Szene, einschließlich der intimsten über Sexualität oder Sterben. Seine wichtigste Informantin ist Dominga. Sie kam als Waisenmädchen “getauft und alphabetisiert” ins Haus. Die Hausherrin freundete sich mit dem Indiomädchen an. Beide beteten zusammen die Gebete, die die eine im Libanon gelernt hatte und die andere im Haus der Nonnen in Manaus. “Was die Religion nicht alles zustande bringt. Sie kann Gegenpole vereinen, den Himmel und die Erde, die Herrin und das Hausmädchen”. Als Chronist ist der uneheliche, indianisch-libanesische Sohn der Träger der Geschichte von der Familie und von Manaus: “Mit Entsetzen und Trauer betrachte ich die Stadt, die immer weiter wuchs und sich zugleich verstümmelte, sich vom Fluß und Hafen abwandte, sich nicht mit ihrer Vergangenheit versöhnen wollte”.

Milton Hatoum, 1952 in Manaus geboren, ging 1968 (ein Jahr nach Einführung der Freihandelszone) zum Studium nach Brasilia und Sao Paulo. Er studierte Architektur, Literatur, arbeitete als Journalist und Dozent. Studienaufenthalte in Madrid, Barcelona und Paris (1979-1984) brachten ihn in die Nähe zur hispano-amerikanischen Literaturwelt, was für brasilianische (wie umgekehrt für hispano-amerikanische) Autoren immer noch eine Ausnahme ist. Hier entstanden Texte über Manaus. Aus dieser Zeit (und der Studentenbewegung) stammen Hatoums starkes Interesse und große Kenntnis von philosophischen und ästhetischen Theorien, von Poststrukturalismus bis Postkolonialismus. 1984 kehrte er als Professor für französische Literatur nach Manaus zurück, das seit 1975 zu einem “orientalischen Bazar” wurde, wie Hatoum bemerkt. Was er vorfand, waren die verheerenden Effekte der seit 1974 (durch den “Estado militar”) rasant beschleunigten Modernisierungs- und Globalisierungsschübe. Hatoum benutzt die Formeln “traumatische Ungleichzeitigkeit”, um Manaus zu beschreiben: die “barbarische Seite” der forcierten Modernisierung, mit der Besonderheit, dass Urwald und Computerfabrik nicht nur dicht nebeneinander liegen, sondern sich durchdringen, brachte eine “verslumte Stadt” ohne “Bürgerrechte” oder “demokratische Öffentlichkeit” hervor. 1999 kehrte er Manaus endgültig den Rücken und lebt seitdem in Sao Paulo. Erzählung von einem gewissen Orient und Zwei Brüder bilden einen Text, einen Diskurs, trotz unterschiedlicher Erzählstrategien. Der Erste ist im Ton der “Erinnerungsliteratur” geschrieben, vielstimmig. Der Zweite hat einen Erzähler- Beobachter-Ethnologen, der dezentriert wird. Beide Bücher sind vor allem eine Hommage an Manaus, an diesen “Ort des Übergangs” und seine Migranten-Bewohner, an eine multikulturelle, komplexe, mestizische, offene Gemeinschaft. Allerdings, so betont Hatoum, ohne jenen ideologischen Gestus der Politik der Mestizisierung, der die “brutalen Ungleichheiten” verwischt. Den nostalgischen Blick, der unmittelbar an die Erinnerung an die fünfziger und sechziger Jahre (die Kindheit) geknüpft ist, nutzt Hatoum, das Exotische und Andere zu vergegenwärtigen. In seiner narrativen Fähigkeit Gerüche, Düfte und Farben, Tableaus von Festen, Landschaften zu entwerfen, steht er García Márquez jedenfalls in nichts nach.

Ellen Spielmann
Milton Hatoum: Zwei Brüder. Roman. Aus dem brasilianischen Portugiesisch von Karin Schweder-Schreiner. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main 2002, 252 S., 22,90 EUR

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