Wo die Wasser sich vereinen, Milton Hatoum erzählt das Drama zweier ungleicher Brüder – Neue Zürcher Zeitung, 6. November 2002

Deutsch, Presse

 
Ressort Feuilleton

Unvergesslich der furiose Auftakt in Werner Herzogs Saga aus der «grünen Hölle» «Fitzcarraldo», wenn der irrlichternde Klaus Kinski eine tagelange Flussreise auf sich nimmt, nur um einer Opernaufführung beizuwohnen. Fast wäre er zu spät gekommen, doch mit dem Recht des wahren Melomanen fordert er Einlass. Er wird von einem schwarzen Saaldiener zu seinem Platz geleitet, und der verblichene Vorhang des Theaters aus den Belle-Epoque-Tagen des Kautschukbooms hebt sich. Wir befinden uns mitten in Amazonien, in der Urwaldmetropole Manaus.

Manaus liegt kurz vor dem Zusammenfluss zweier Ströme, deren Wasser sich aber noch lange nicht zum Amazonas vereinigen wollen. Die dunklen Fluten des Rio Negro und die gelblich-lehmigen des Solimões fliessen nebeneinander wie durch ein unerklärliches Naturwunder getrennt. Die Stadt unter der Äquatorsonne, auf dem Schnittpunkt südlicher und nördlicher Hemisphäre scheint dem Betrachter aus dem Flugzeug oder vom Schiff aus eine zwischen Wasser und Land schwimmende Stadt, deren Grenzen sich vollends ununterscheidbar in den Regenfällen auflösen. Einst Vorposten der Zivilisation und heute Millionenstadt, Tausende von Kilometern von den Metropolen entfernt.

Ein Bild in Bruchstücken

Hier in Manaus entfaltet ein Roman ein Familiendrama, das in einer langen Tradition abendländischer Religionsmythen und Literatur steht: Bruderzwist und verloren gegangener Sohn. Liebe, Verrat, Kampf und Tod in einer libanesischen Einwandererfamilie in der zweiten Generation vom Ersten Weltkrieg bis in die späten sechziger Jahre. Dem muslimischen Hausierer Halim ist es mit glühenden Liebesversen gelungen, die Tochter eines verwitweten Restaurantbesitzers, die christlich erzogene Zana, zu erobern und schliesslich zu heiraten. Sie haben drei Kinder, die von Charakter und Wesensart ungleichen Zwillinge Yaqub und Omar, sowie die nachgekommene Tochter Rânia.

Ohne Pathos lässt eine distanzierte Erzählerstimme dieses halbe Jahrhundert eines von einem hasserfüllten Bruderzwist verdunkelten Familiendramas Revue passieren. Erst am Ende erfährt man ihren Namen, Nael, der Sohn des indianischen Hausmädchens Domingas. Ungeklärt bleibt, ob Yaqub tatsächlich sein gewünschter Vater ist oder doch Omar, der seine Mutter vergewaltigt hat. Aus den Erinnerungen des alten Halim, von dessen Frau und ihrer Tochter versucht Nael die Bruchstücke einer Unversöhnlichkeit zu einem Bild zusammenzufügen. Kein allwissender Erzähler also, sondern nur ein beschreibender dessen, was er erfährt, und seiner eigenen Beobachtungen. Was in den Köpfen der Familienmitglieder vorgeht, was sie fühlen, was ihre innersten Beweggründe für ihre oft heftigen Reaktionen sind, bleibt stets im Verborgenen. Was mag in Yaqub vorgegangen sein, als nach dem Streit mit dem eifersüchtigen Omar wegen eines Mädchens, bei dem er von ihm die Wange zerschnitten bekam, er, das Opfer, bestraft und mitten im Zweiten Weltkrieg für fünf Jahre in die Heimat seiner Vorfahren geschickt wurde? Die Wunde wird sich nie schliessen, er ist mit einer «Skorpionsfratze» gezeichnet. Als Hinterwäldler kommt er zurück, doch schon bald wird er das Versäumte mit einem ungeheuren Ehrgeiz und Arbeitswillen aufholen.

Der schweigsame Yaqub ist der Strebsame, Arbeitsame, der, der Erfolg hat, doch sein jüngerer Bruder, von einem unbezähmbaren Temperament beherrscht, ein Versager, Raufbold, Säufer und Schmuggler, verbringt die Nächte in Bars mit Prostituierten und schläft bis in den Morgen hinein. All dies hindert seine Mutter nicht, ihn seinem älteren Bruder vorzuziehen. Die einst leidenschaftliche Liebe zu ihrem Mann wird von der Strömung der Zeit hinweggespült und durch eine krankhaft eifersüchtige Leidenschaft für Omar ersetzt; solange er sich nicht ernsthaft mit einer Frau einlässt, wird sie ihm jeden Fehltritt verzeihen. Schon bald wird der ungeliebte Yaqub aus Manaus fliehen, um zu studieren, und nur noch gelegentlich zurückkehren.

Den Autor Milton Hatoum verbindet mit seinen Romangestalten die gemeinsame libanesische Herkunft; wie sie stammt er aus Manaus. «Die Brüder» aus dem Jahre 2000 ist der zweite Roman des Fünfzigjährigen nach «Relato de um certo Oriente» (der demnächst überarbeitet in einer Taschenbuchausgabe mit dem Titel «Brief aus Manaus» neu erscheint). Mit nur diesen beiden Büchern hat sich Hatoum umgehend als einer der interessantesten zeitgenössischen Autoren Brasiliens einen Namen gemacht. Mit dem Thema Einwanderung reiht er sich ein in eine seit dem Ende der Militärdiktatur, Mitte der achtziger Jahre, immer grösser werdende literarische Strömung. Es gibt mittlerweile eine ganze Reihe Romane, in denen die Geschichte etwa der japanischen Kolonie, der Osteuropäer, der Juden, Italiener, Spanier, Deutschen und eben der aus Syrien und Libanon stammenden Menschen aufgearbeitet wird.

Zusammenleben der Kulturen

Was Hatoums Roman auszeichnet, ist vor allem ein dezidiertes Stilbewusstsein im Umgang mit der Sprache. Hatoum, der französische Literatur an Universitäten unterrichtet, ist nicht der Versuchung erlegen, die tropische Exotik seines Handlungsschauplatzes in einer von Adjektiven und Nebensätzen überbordenden Sprache darzustellen. Gerade der unprätentiöse mündliche Tonfall, der allen grossen Erzählern eigen ist, verleiht seiner Prosa die eindringliche Genauigkeit und Farbigkeit. Mit wenigen unsentimentalen, lapidaren Sätzen gelingen ihm lebendige Innenansichten. Etwa, wenn Yaqub nach Jahren als Hirte wieder nach Rio de Janeiro zurückkommt, wo ihn sein Vater abholt, und er ungeniert mitten auf einem belebten Platz uriniert. Oder der von seinen inneren Dämonen getriebene Omar, wenn er in den Nächten mit seinem Gebrüll niemand im Hause schlafen lässt. Er kann den Foltertod seines Freundes und Lehrers nicht vergessen.

Über den Urkonflikt der um Anerkennung und Liebe rivalisierenden Brüder hinaus lässt sich der Roman auch als eine Metapher auf Brasiliens Geschichte verstehen. Der Untergang der Familie ist der zu bezahlende Preis für einen überstürzten Modernisierungsprozess. Die beiden Brüder verkörpern zwei gegensätzliche, doch komplementäre Seiten ihrer Heimat: Der homo faber Yaqub steht als Rationalist für den Wandel Brasiliens vom Agrarland zur Industrienation. Der ganz nach dem Lustprinzip lebende, unbeherrschte Omar repräsentiert das chthonisch-irrationale Erbe der Tropen. Beiden Brüdern ist in ihrer Einseitigkeit letztlich keine Zukunft beschieden. Yaqub mag zwar als erfolgreicher Technokrat seinen respektablen Platz in der Gesellschaft gefunden haben, doch nur um den Preis des Verlusts aller Wurzeln. Omar, der ausser von seiner Mutter von allen Gehasste oder Gefürchtete, bleibt nach dem Tod Zanas ein Unbehauster, auf der Flucht vor sich und den Menschen. Der Ehe von Zana und Halim war mit ihren Kindern kein Glück beschieden, weil sie den Sündenfall begingen, als Immigranten in der Neuen Welt unter sich zu bleiben.

Erst in der Vermischung der Kulturen Orient und Okzident, die sich in dem Indianermischling Nael vollzieht, liegt eine mögliche Erlösung. Hatoum knüpft damit einmal an Ideen der Romantik an, unterstreicht darüber hinaus gleichzeitig Thesen, wie sie der nordamerikanische Philosoph Richard Rorty jüngst vertrat. Als Lösung vieler soziokultureller Probleme der Vereinigten Staaten verwarf er die immer noch modische, doch für ihn obsolet gewordene Theorie eines gedeihlichen demokratischen Zusammenlebens der heterogenen Kulturen als gescheitert und hielt dafür, als einzig praktikable Lösung mit Erfolgsaussichten zu dem Ideal einer Rassen- und Kulturenvermischung zurückzukehren. Mit anderen Worten: Schmelztiegel statt Salatschüssel. Ob man aus diesen Einsichten des brasilianischen Romanciers wie des US-amerikanischen Denkers über die beiden Amerika hinaus auch für Europa Schlüsse ziehen sollte, wäre zu überdenken.

Thomas Sträter

Milton Hatoum: Zwei Brüder. Roman. Aus dem brasilianischen Portugiesisch von Karin von Schweder-Schreiner. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main 2002. 252 S., Fr. 39.50.

Neue Zürcher Zeitung, 6. November 2002, Ressort Feuilleton

 

 

 

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